Wein, was bist du großer
Meister unseres Lebens!
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Ein Begleittext zu unseren historischen Kelleranlagen in Retz.
Heinrich Prohaska
August 2003
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Betrachtet man die Weinkeller, die unter dem ehemaligen Burgbereich der Stadt Retz liegen, so ist einwandfrei zu erkennen, dass sie der Form nach aus der Gotik stammen, also aus einer Zeit, die 700 bis 750 Jahre hinter uns liegt. Das heißt, die Stadt - und da meine ich die um 1300 befestigte Stadt - hat zur Zeit der Anlage der Befestigung die schon bestehende Burg als Nordwestecke eingeschlossen. Das heißt somit weiter, dass sich die Herren der Burg, das waren vor 1300 noch die Herren von Plain und Hardegg, schon sehr bewusst waren, in diesen Kellertiefen bei gleichbleibender Temperatur Weine zur besten Qualität reifen lassen zu können.
Die Plainer Grafen waren keine Weinbauern. Sie mussten ihre Weinkenntnisse von Spezialisten übernommen haben. Und da bedenke man das Risiko, unter der damals bestehenden Burg Keller bis in 18 m Tiefe zu graben, ohne Abstützung, ohne jegliches Mauerwerk, nur aus dem Sand herauszuarbeiten.
Diese Grafen von Plain müssen sich aber vollkommen im Klaren gewesen sein, dass die Bauern aus der Umgebung von Retz einen- hervorragenden Wein machen konnten. Da mögen wohl auch die klimatischen und geologischen Verhältnisse eine Rolle gespielt haben.
Die Bauern, die im elften Jahrhundert am Altbach, also in der jetzigen Altstadt Retz und in der weiteren Umgebung gesiedelt hatten, mussten beim Bau ihrer Holzhütten (Katen) sicher sehr bald erkennen, dass die Keller unter oder neben ihren Katen sehr gut erhalten blieben, obwohl sie nur aus Sand herausgekratzt waren. Die aus dem Löss gegrabenen Keller hatten diese Beständigkeit nicht. Aus dieser Erfahrung "lernten" unsere Burgherren.
Der Nordwald wird besiedelt
Da tut sich selbstverständlich die nächste Frage auf: Woher kamen diese Leute, die hier im östlichsten Teil des "Nordwaldes" ein Weinbaugebiet mit hervorragenden Weinen kultivieren konnten. Nordwald bezeichnete man vor einem Jahrtausend diese Grenzwaldzone vom Bayrischen Wald - Böhmer Wald - Waldviertel, bis in unsere Gegend des nördlichen Niederösterreichs, dem Weinviertel. Wenn die "Übertragungstheorie" für den Namen Retz - Rötz - Rezze glaubhaft ist, dann stammen diese Siedler aus Rötz und seiner weiteren Umgebung, somit aus der Oberpfalz (siehe: Rudolf Resch, "Retzer Heimatbuch", Bd. 1,
1984, Seite 78 ff.). Dort gibt es zwar keinen Wein, wohl aber ist das Weinbaugebiet vom Obermain nicht allzu fern.
Es sind die Babenberger (vermutlich jene, die in Bamberg ansässig waren) dem Auftrag nachgekommen, das etwa 180 Jahre lang von Ungarn besetzte Donautal östlich der Enns wieder zu besiedeln. Da gab es in Deutschland im 10. und 11. Jahrhundert eine Bevölkerungsexplosion. Was war geschehen? Es war für das Zugtier Pferd das Kummet erfunden worden. Damit konnte die Zugkraft der Pferde auf etwa das Doppelte gesteigert werden. Das hatte zur Folge, dass die Felder durch die damals üblichen Hakenpflüge nicht nur aufgerissen, sondern durch Schar um Schar gepflügt werden konnte. Das ergab bessere Ernten und dadurch konnten mehr Menschen satt werden, bis man schließlich für die jetzt zu vielen Menschen neuen Lebensraum suchen musste.
Ein Babenberger Leopold (er wurde auf einem Reichstag in Regensburg zum Markgraf erhoben, starb aber damals in Regensburg) hatte bei Gars am Kamp, etwa um 1042, ein slawisches Grenzlager überrannt und damit das Land bis zur Thaya, das fast unbesiedeltes Waldland war, erobert und gerodet. Hier fanden die Siedler tiefgründigen, steinelosen Humus, über einem Sand gelagert, der vor etwa 25 Millionen Jahren, im Jungtertiär (Miozän), von einem Meer angeschwemmt wurde. Sand, aus dem man "billig" auch größere Keller graben konnte. Eisen war kostbar. Jedoch die Bauern hatten bald die Erfahrung, dass sich der Sand mittels Holzschaufeln abschaben ließ. Das war die Technik, die schon die Kelten zum Abbau von Salz verwendet hatten.
Dieses "Eggenburger Meer" hatte am Ostabhang des Manhartsberges seine Gestade und hatte eine Ausdehnung bis weit nach Asien, etwa bis zum Aralsee und zum Indischen Ozean. Der Sand ist Quarz. Quarz ist ein weit verbreitetes Mineral, aus dem Granit und Gneis aufgebaut sind. Quarz kommt in verschiedenen Variationen vor. So bei uns als Sand, in Zogelsdorf als Sandstein und in Maissau als Amethyst. Die Sandkristalle sind so scharf, dass sie sich mit ihren Ecken und Kanten in die Poren des Holzes festsetzen und so wirkte die Holzschaufel wie eine moderne Hartmetallschaufel. Das wussten die Leute damals selbstverständlich nicht, aber sie erkannten den Erfolg ihrer Arbeiten mit den Holzgeräten.
Mautrecht für die Plainer Grafen
Die Plainer Grafen, Otto und Konrad, damals noch vor 1250, saßen auf ihrer Burg Hardegg. Sie nutzten für sich die günstige Zeit des instabilen Zustandes der Regierung im Deutschen Reich. Kaiser Friedrich II (gest. 1250) war wieder vom Papst in den Bann gesetzt worden. Dazu kommt, dass der Babenberger Herzog Friedrich II "der Streitbare" 1246 in der Schlacht bei Neudörfl (in der Nähe von Wiener Neustadt) gefallen war. Die Babenberger waren somit im männlichen Stamm ausgestorben.
So war das Land wie das gesamte Deutsche Reich ohne König, auch im Herzogtum Österreich ohne Regent. Den Zustand nützend eigneten sich die Grafen von Hardegg, hier in Ortschaft von RECZE ein Mautrecht an, eine Straßenmaut. Mautrecht war, wie Burgenbaurecht, Stadtgründungsrecht etc. ein Regal. Das heißt, es konnte nur vom König bzw. vom Kaiser bewilligt werden. König gab es keinen, aber die Adeligen von Österreich (Niederösterreich) und der Steiermark ersuchten den König von Böhmen, Premysel Otokar II, in Osterreich die Regentschaft zu übernehmen.
Daher heiratete der damals 23-jährige Premysel Otokar die etwas 40- bis 45-jährige Schwester Margarete des gefallenen Herzogs Friedrich II (des Streitbaren). So dürften wohl unsere Grafen von Hardegg nachträglich zu ihrem Mautregal gekommen sein.
Als die Grafen Otto und Konrad 1260 ihr Testament verfasst haben, waren alle Lehen (!), so auch das Mautrecht in Retz, zu Gunsten der beiden Ehefrauen Wilbirgis und Euphemia als Legate angeführt. Das ist sehr aufschlussreich.
Dieses Testament fand man erst im ausgehenden 20. Jahrhundert in einem Archiv in Prag. Tschechische Historiker haben uns erst auf dieses Testament aufmerksam gemacht. Dieser Fund klärt manches auf: Es ist geschrieben im Jahre 1260, kurz bevor die beiden Grafen Otto und Konrad im Hinterhalt durch ungarische Heerscharen, in der Nähe von Staatz erschlagen wurden.
Der König von Böhmen war - um Österreich regieren zu können - vom österreichischen Adel abhängig. Um auch die Plainer Grafen für sich zu gewinnen bewilligte er ihnen, vermutlich nach 1251, die Maut von Retz als Regal. Otokar stattete die Herren von Retz so aus, dass sie die Lehen ihren Frauen vererben durften. Die Lehen waren Rechte, Nutzungsrechte, insbesondere auch ein Regal, die nur von jenem weiter vergeben werde konnte, der sie ursprünglich verliehen hatte. Hier haben aber die Grafen diese Rechte ihren Frauen vermacht.
Wir wissen wohl, dass die Plainer Grafen auch unter der Zeit der Babenberger ein sehr angesehenes Geschlecht waren, denn auf alten Urkunden dieser Zeit hatten die Plainer stets in erster Zeile als Zeugen unterschrieben. Daher wohl diese anmaßenden Rechte, die schließlich durch Premysl Otokar bestätigt wurden.
Handelszentrum Retz
Wir sehen als Resumee, dass durch die Errichtung der Maut von Retz auf erhöhter Stelle von der Ortschaft RECZE die Burg ausgebaut wurde. Folglich muss es auch einen entsprechenden Handel gegeben haben. Peter Czendes bezeichnet in seiner Dissertation "Die Straßen Niederösterreichs im Früh- und Hochmittelalter" die beiden Straßenzüge, die sich in Recze kreuzten, als prähistorisch. Da der "Rittsteig" von Krems in Richtung Norden führte, waren wohl Eisen und Salz die Güter, die vorwiegend von unseren nördlichen Nachbarn gefragt waren. Die Thayatalstraße führte von der Bernsteinstraße (nächst der March) über Drosendorf - Raabs in Richtung Budweis. Mautrecht bedeutete aber nicht nur eine Maut einheben, die Inhaber waren auch verpflichtet, die Straßen nutzbar zu erhalten. Sie mussten auch um die Sicherheit der Kaufleute, insbesondere wegen Räubern und Banden, besorgt sein.
Finanzamt im Znaimer Tor
Als die befestigte Stadt etwa um 1300 entstanden war, hat man im nördlichen Stadttor, im Znaimer Tor, die Maut kassiert. Das eiserne Gitter in der einen gotischen Ausnehmung zeigt uns heute noch, wie vor 700 Jahren ein "Finanzamt" funktionierte. Auch der "Kassenraum" ist in der Farbenhandlung Burkert noch voll erhalten.
Sand als Fundament
Den Grafen von Hardegg muss der Wein wie ein Geschenk Gottes vorgekommen sein, denn die Dimensionen der Keller in Höhe, Breite und Länge sprechen eine Sprache für sich.
Die Sandwölbungen, die vom First der Kellerröhren bis zur Basis durchlaufend geformt sind, stammen aus der frühen Gotik. Sie müssen schon vor der Stadtgründung gegraben worden sein. Die Grafen kannten kein Architektenbüro und hatten keine Statiker zur Verfügung, um zu berechnen, ob diese Keller die darüberstehende Burg auch tragen werde können. Ihnen stand nur der gesunde Menschenverstand und die Erfahrung der Bauern von ihren Kellern zur Verfügung.
 Frühgotische Sandkeller etwa aus der Zeit vor 700 - 750 Jahren
Geologisches Wunder
Als ich 1994 in Oppenheim am Rhein meinen Vortrag über die Retzer Keller hielt, fiel das gesamte Forum des Kolloquiums über mich her, weil keiner dieser Teilnehmer es mir glauben wollte, dass die Sandkeller in diesen Dimensionen auf die Dauer von Jahrhunderten überhaupt bestehen konnten. Univ.Prof. Dr. Gudenus, vom Lehrstuhl der Bodenmechanik und Grundbau der Universität Karlsruhe, hielt seinen Vortrag über "Standsicherheit von Höhlen in feuchtem, feinkörnigen Untergrund". Auch er erklärte mir damals, dass jeder Sandkeller an seiner Oberfläche abtrocknet und die trockene Sandschicht abfällt.
Erst nach meiner Rückkehr nach Retz sah ich des Rätsels Lösung: Das Grundwasser des Waldviertels fällt hier in die Laaer Ebene, und so kann der über dem Gneis abgelagerte Meeressand das Wasser nach oben ziehen. Kapillarität heißt diese wasseraufsaugende Eigenschaft des Sandes. Leuchtet man die Kelleroberfläche ab, so glitzern diese Wassertröpfchen wie kleine Diamantsplitter. Aber nur genügend nasser Sand kann diese Kellerformen erhalten.
Im vergangenen Sommer 2002 war Univ. Prof. Dr. Georg Spaun - er liest an der Universität München am Lehrstuhl für Geologie - angereist und zeigte seinen Studenten diese außerordentliche geologische Situation. (Prof. Spaun untersuchte die geologischen Verhältnisse für den U-Bahnbau in Taiwan.) Wissenschafter sind sich der Einmaligkeit dieser geologischen Situation bewusst!
So bleibt dann auch die Frage offen, wohin die Menschen diese Mengen an Sand brachten, die sie aus dem Keller schafften. Diese Frage ist umso berechtigter, wenn man weiß, dass der lose Sand etwa die doppelte bis dreifache Quantität ergibt, als sich der Sand durch Millionen Jahre verdichtet abgelagert hat.
Selbstverständlich musste aller Sand und dann der gesamte Wein, wohl in Putten, an die Oberfläche getragen werden.
Meine Vorstellung ist, dass die Bauern, wohl jene, die frisch gepresste Weine nach Retz in die Stadt lieferten, auch zum Graben der Keller bedungen wurden. In der nächsten Umgebung von Retz ist für Ackerböden die Bonusklasse bester Qualität, allerdings sehr fett, sodass ich mir wohl vorstellen kann, dass die Bauern den herausgearbeiteten Sand in ihre Felder eingepflügt haben. Damit wurde der Humus lockerer und konnte später leichter bearbeitet werden. Ein Beweis für diese Theorie wurde bisher nicht erbracht. Aber auch die Frage vieler Besucher, warum diese Keller diese riesigen Dimensionen hätten, konnte ich nicht befriedigend beantworten.
Wer waren die Nachfolger der Plainer Grafen?
Die Witwe Euphemia ging nach dem Tod des Grafen Konrad (1260) ins Kloster St. Bernhard bei Horn.
Ottos Witwe heiratete noch zweimal, ohne Kinder zu bekommen. Die dritte Ehe war mit Berthold von Rabenswalde geschlossen worden und dadurch kam ein im Deutschen Reich außerordentlich angesehenes Geschlecht in unsere Herrschaft: Es waren die Edlern von Querfurt, die schon durch mehrere Generationen die Burggrafen von Magdeburg waren. Wenn auch die Funktion des Burggrafen verkauft war - sie behielten aber den erblichen Titel des Burggrafen von Magdeburg oder - wie sie sich seit Ende des 13. Jahrhunderts nannten - die Burggrafen von Maydburg.
Dieses Geschlecht hat mit Graf Michael, der sich sogar als Fürst bezeichnete, 1483 sein Ende gefunden. Die Stadt Retz wurde 1481 eine landesfürstliche Stadt.
Die Gräfin Wilbirgis war durch die Erbschaft nach ihrem ersten Mann Otto Eigentümerin der Grafschaft Hardegg geworden. Es gab daher für keinen König eine Veranlassung, Berthold von Rabenswalde (als dritten Gatten der Gräfin Wilbirgis) mit der Grafschaft Hardegg zu belehnen, wie das irrtümlich immer kolportiert wird. Daher wurde Wilbirgis als "Gräfin von Hardegg", ihr Mann "nur" als "Burggraf von Maidburg" tituliert (Roman Zehetmayer: "Das Urbar des Grafen Burkhard III von Maidburg - Hardegg aus dem Jahre 1363", 2001, S. 44).
Nach dem Tod des Grafen Berthold starb 1314 auch Wilbirgis. Deren Hauptsitz war nicht mehr die Burg Hardegg, sondern Retz. So blieben die Grafen von Maidburg, dem Titel nach, auch die Burggrafen von Magdeburg und bis1481 die Grafen von Retz.
Die ursprüngliche Stammburg der Burggrafen von Magdeburg war Querfurt, etwa 80 km südlich von Magdeburg (heute noch eine sehenswerte befestigte Stadt!). Nur Magdeburg war eine freie Reichsstadt, Kaiserstadt, wie Nürnberg, Prag und Wien.
Kaiser Otto I (der Große) gründete die Stadt Magdeburg und schenkte sie seiner Frau zur Hochzeit. Dementsprechend hatte Magdeburg ein hervorragendes Ansehen und wurde bald (973) mit einem Bischof ausgestattet.
Aus all meinen Erwähnungen ist naheliegend, dass unsere Grafen immer noch Beziehungen zu ihrer Vorheimat hatten. In dieser Richtung fehlen uns noch alle Recherchen. Doch Retz kam durch die Magdeburger Burggrafen zu einer gewissen "Weltgeltung" im Deutschen Reich. Ich möchte nur erwähnen, dass zwei unserer Grafen Kanzler des Kaisers Karl IV in Prag waren.
Uraltes Kulturgut Wein
Bei jedem Bankett, jeder Hochzeitstafel wird Wein gereicht. Als besondere Anerkennung gibt man einem Jubilar Wein, möglichst mit klingendem Namen. Warum gerade Wein?
Seit Jahrtausenden ist uns bekannt, dass der Wein etwas Extrafeines war. Aus der Geschichte Persiens ist uns Wein schon seit etwa 8000 Jahren bekannt. Aus der heilenden Wirkung des Weines in der Antike rekrutiert in der christlichen Religion der Wein: Blut des Heilands. Auch aus vorchristlicher Zeit war der Wein Symbol für etwas Besonderes, Hervorragendes. Wir haben zum Beweis dafür in Retz zweimal die beiden Kundschafter abgebildet, wie sie Moses ausgeschickt hat, um zu schauen, wo sich sein Volk nach der Gefangenschaft in Ägypten niederlassen kann. Kaleb und Jusea kamen zurück und brachten die Nachricht: "Das ist das Land, in dem Milch und Honig fließt." Als Beweis brachten sie nicht eine Kuh oder Bienen. Nein, eine Weintraube, aber in einer Größe, die symbolhaft zum Ausdruck bringen sollte: hier wird das ganze Volk gut leben können. Da in der Antike die wenigsten Leute lesen oder gar schreiben konnten, brachte man das Glücksgefühl, nach der Gefangenschaft in Ägypten, eine neue Heimat gefunden zu haben, durch eine Art Bilderschrift zum Ausdruck.
Hier die große, ja übergroße Weintraube. Ja, Wein war etwas ganz Besonderes und blieb es auch im Mittelalter.
40 Weinsorten zu Zeiten Noahs
Schauen wir noch etwas weiter in die Vergangenheit der Menschheit zurück. Die Bibel sagt uns, dass Noah mit seiner Arche am Berge Ararat strandete und dort Wein aussetzte. Auch wieder Wein, nicht Getreide! Nun, das Stranden der Arche erfolgte nicht am Ararat. Der Ararat ist ein erloschener Vulkankegel mit 5200 m Höhe. Hier liegt Schnee! Aber das Tal nördlich vom Ararat war vor etwa 2500 Jahre von einem Volk bewohnt, dessen Geschichte wir nur etwa 200 Jahre verfolgen können. Das Gebiet, das dieses Volk bewohnte, gehört heute zur Osttürkei, Russland, Irak und Iran (Persien). Erstaunliches brachten die Forschungen im 20. Jahrhundert ans Tageslicht: 40 verschiedene Weinsorten kannte man damals! Ohne Klonen und welche Zuchtergebnisse! Was muss es doch damals schon für eine Weinkultur gegeben haben! (Ralf - Bernhard Wartke: "URARTU - Das Land am Ararat", 2. Auflage, 1998).
Auch von Europa wissen wir, um gute Weinernten erwarten zu können, musste man entsprechend opfern. Den beiden Weingöttern, Dionysos für die Griechen und Bacchus der Römer wurden Ziegen als Opfer dargebracht. Das kennen wir doch heute noch! Zum Erntedank, zum Weinlesefest begleitet bei uns, aber auch im Rheinland, eine Weinberggeiß den Festumzug. So haben auch die Römer ihre Spuren zu uns hinterlassen.
Der überzeugendste Beweis für den Wert des Weines in der Antike sind wohl die beiden Münzen, die aus dem Balkan stammen.
Der Tetradrachmon (Vierfachdrachmon) war die Großmünze über 24 Obole, mit dem man Werte für den täglichen Gebrauch einhandelte. Zum Vergleich: Der Maria Theresientaler (halber Reichstaler) aus 1742 war leichter als ein Tetradrachmon. Jener Tetradrachmon, der in Mende (Makedonien) geprägt wurde (430 v. Chr.), war wohl Symbol eines besonders berühmten Weines: Hippokrates verordnete ihn als Heiltrank. Sein Münzrevers zeigt Dionysos auf einem Esel reitend. Also haben wir auch auf dieser Münze einen Bezug zu einem damals sehr beliebten Gott; Dionysos war der Weingott in der griechischen Mythologie. Die zweite Münze fand man auf der Insel Kos. Sie wurde 500 - 400 v. Chr. geprägt. ("Geld", Edition Deutsche Bank, 1982, Frankfurt am Main)
Griechische Silbermünzen
Reifungskeller
Aus all diesen Erläuterungen über den Wein können wir auf die Situation in unserer Stadt nur schließen. Wir können eigentlich nur erahnen, was der Wein für die Menschheit war. Wir wissen aber nicht, wie lange die Weine zur Reife lagerten, denn es haben sich die Traubensorten verändert (Selbstträger), wir wissen so gut wie nichts, mit welchen Alkoholgehalten die Weine in die Keller der Stadt zur Reifung kamen, aber ebenso gut wissen wir nichts über Säuregehalte. Aber das wissen wir wohl, dass in diesem tiefen Stadtkeller nichts vergoren wurde, die Weine lagerten nur zur Reifung! Der lange Reifungsprozess bei gleichbleibender Temperatur war zweifellos ausschlaggebend, warum Retzer Weine mit besonderer Güte bedacht wurden.
Die Bauern hatten in ihren Ortschaften nicht allzu große Gärkeller. Im Herbst brachten die Bauern die schon vergorenen Weine in die Stadt. Sowohl die Herrschaften als auch die Städter hatten auch Keller außerhalb der Stadtbefestigung.
1425 wurde die Stadt von einem furchtbaren Schicksal getroffen: Die Hussiten - heute würde man sie als eine Religionssekte bezeichnen - hatten am Katharinentag 1425 die als unbezwingbar gegoltene Stadt dadurch erobert, dass sie die südliche Stadtmauer untergraben haben und - so heißt es in verschiedenen Berichten - "stießen auf einen Keller". Es gab Keller, die über die Parzellengrenzen der Häuser hinaus, bis an die Stadtmauer gingen!
Die Stadt soll ausgemordet worden sein. Graf Johannes III kam in Gefangenschaft und starb in Böhmen. Sein einziger Sohn Michael war erst neun Jahre alt. Sein Vormund wurde Herzog Albert V von Habsburg. Auch die Burg in Retz war devastiert. Albert V war der Schwiegersohn des Kaisers Sigismund von Luxemburg. Herzog Albert wurde deutscher König. Aber er starb schon nach einjähriger Regierungszeit und sein Nachfolger wurde wieder ein Habsburger, aber aus der steirischen Linie stammend, der als Kaiser Friedrich III bekannt wurde und überein halbes Jahrhundert das Deutsche Reich regierte (gestorben 1493 in Linz).
Florierender Weinhandel
Für den minderjährigen Michael musste bis zu dessen Großjährigkeit die Herrschaft Hardegg verwaltet werden. Die Rechnungsunterlagen sind tast vollständig erhalten geblieben. Jans von Fladnitz war der Verweser: Nun hat vor etwa 70 Jahren Dr. Otto H. Stowasser sehr interessante Vergleiche angestellt. Ich muss vorausschicken, dass man bis heute nicht präzise klären kann, was vor mehr als 500 Jahren eine "Unsteuer" war. Sie war etwa eine Steuer, die unserer Umsatzsteuer und Alkoholsteuer gleichkommt. Jedenfalls dürfte der größte Teil des Steueraufkommens der Grafschaft Hardegg in der Unsteuer erfasst worden sein.
1437 war das letzte Jahr der Verrechnung durch Jans von Fladnitz Da waren erst zwölf Jahre seit dem Hussitensturm vergangen. Aber das Steueraufkommen war, nach Otto Stowasser, aus erreichten Geldeinnahmen für die Grafschaft ca. 1050 Pfund. Das war nur ein Teil - es gab auch Naturalabgaben - perceptorum faci 1849 Pfund! Bei Städten war die Verrechnung von Steuern anscheinend anders gegliedert: Für Korneuburg, Tulln, Ybbs, Enns, Steyr, Wels, Krems, Stein, Zwettl und Eggenburg ergab die Stadtsteuer aller zehn Städte zusammen 1 5) 1 0 Ptund. Die Wiener Stadtsteuer betrug für das Jahr 1437 2000 Pfund. ("Geschichte und Quellenkunde der Stadt Wien", 1932). Die überdurchschnittliche Ertragslage der Grafschaft war zweifellos durch den Weinhandel gegeben.
Privilegien für Retz
Graf Michael war kaum mehr in Retz - seine Burg war zerstört. Er lebte zum größten Teil in Wien, in der Nähe des Kaisers Friedrich III. Er wurde Reichshofrichter, auch Landsmarschall von Österreich. Er dürfte daher auch der Initiator gewesen sein, vom Kaiser für Retz das Niederlagsprivileg aus 1458 zu erwirken. Und da heißt es ganz liberal: "Also was von Salcz Getrayd wein oder allerlay kaufmannschaft ... hin gen Recz ... gefurt wurdet das sollen die kaufmannschaft da niederlegen und wanndeln mugen nach Ihren notdurften...".
Damit war die gesetzliche Grundlage für den freien Handel durch die Retzer Bürger gegeben. Damit war auch für die Stadt eine rechtliche Basis für den Weinhandel geschaffen. Der Grundstein für die Erweiterung ihrer Keller war gelegt. Zeuge für den Reichtum aus dem verstärkten Weinhandel zeigt uns das Haus am Námesty Svoboty (17) in Brünn (Brno), das 1590 ein Christian Schwarz aus Retz gebaut hat. In den beiden Abläufen der Runderker ließ sich Schwarz Weintrauben als Zier gestalten. Das ist wohl eine Einmaligkeit als Hauszeichen für einen Weinhändler!
Vorrechte außer Kraft gesetzt -
Geburtsstunde der Kellergassen
Diese Vorrechte für Retz (Privilegien) wurden durch nachfolgende Herrscher erneuert, aber auch abgewandelt. Bis schließlich Herzogin Maria Theresia 1769 dieses Weinprivileg vollkommen außer Kraft setzte, weil die Stadt Retz darauf beharrte, dass der Weinkauf und Weinverkauf nur städtisches Vorrecht sei und nicht auch für die Altstadt gelte. Ich zitiere auch diese Verfügung: "Es wird verordnet, dass der fraye Handel mit allen gattungen... Landesprodukten, denen Gütter Besitzern Weinbolden und dem Bauernstande auf das gantze Jahr verstattet, und das disfällige schädliche Privativum des Burger Standes in diesem Land, wo noch einiges besteht, gänzlich aufgehoben werden solle."
Dies entschied 1769 Maria Theresia, sehr liberal. Jetzt waren die alten Gärkeller der Bauern zu klein um Weine, wie in den tiefen Kellern von Retz, jahrelang reifen zu lassen. Die Bauern brauchten große Lagerkeller. So entstanden diese herrlichen Kellergassen im nördlichen Niederösterreich, wie sie wirklich nur im Weinviertel und Südmähren besonders charakteristisch sind.
Keller mit 20 bis 25 km Länge
Die Keller der Stadt - sie waren ab nun dem Verfall preisgegeben. Wohl gab
es bis in das 20. Jahrhundert Handelsfirmen, die ihre Keller noch betrieben haben, aber die meisten Keller stehen seit dem 18. Jahrhundert leer. Oh Wunder, sie sind nicht verfallen, wohl öde und der Verkehr flutet darüber, als wären unter den Straßen der Stadt die besten statischen Voraussetzungen geschaffen. Die Stadt ist arm geworden, daher blieb, das mittelalterliches Stadtbild erhalten. Die alten Häuser, zum Teil noch aus der Gotik stammend, wurden nicht - wie in vielen alten Städten - durch Neubauten ersetzt. Gelegentlich ein neuer Dachstuhl darüber oder eine neue, moderne Fassade, den entsprechenden Kulturperioden gemäß, aber im Großen und Ganzen eine einheitliches Bild.
Und die Stadt blieb klein. Die Geschäftigkeit war durch den Weinhandel gegeben. Im 20. Jahrhundert wurden die um Retz liegenden Bauernortschaften eingemeindet. Man brauchte größere Verwaltungseinheiten. Aber wer ahnt als nicht eingeweihter Gast, dass unter der Großgemeinde 20 bis 25 km Keller liegen? Würden sie in einer Länge gebaut worden sein, gäbe es - zum Vergleich - in Österreich keinen Tunnel in dieser Größenordnung, weder für Straßen noch für die Eisenbahn. Nur, in Retz sind sie nicht in einer Ebene gebaut, sondern kreuzen sich in den verschiedenen Ebenen. Sie waren ja nur zur Lagerung der Weine gebaut worden.
Ein merkwürdiges Bild: menschenleere, fast gespenstische Gassen, Häuser ohne Rauchfänge - aber darunter: oho! Die Keller gefüllt mit bestem Wein.
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Retzer Wein international gefragt
Wer konsumierte diese Mengen an Wein? In der Hauschronik des Handelshauses Verderber schrieb im 19. Jahrhundert Karl Richter: "Wir haben den Wein sogar nach Galizien (Lemberg in der Ukraine) gebracht."
Im ZDF gab es eine Fernsehreihe: "Terra - X", dazu wurden Begleitbücher herausgebracht. Ich habe die Autorin des Abschnittes "Von Babylon zum Bernsteinwald" (1999), Frau Dr. Gudrun Ziegler, gefragt, ob sie denn wisse, woher der Wein 1394 kam, den der Deutsche Ritterorden in Litauen und Ostpreußen als österreichischen Wein konsumierte. Der wurde von der Krain, nördlich der Adria, die damals vor 600 Jahren noch zu Österreich gehörte, bis nach Ostpreußen geliefert. Etwa 1000 Kilometer!
Einer unserer Retzer Grafen, Burkhart III, wollte in Pulkau eine Minoritenkirche bauen. Dazu brauchte er die Genehmigung des Papstes, die ihm auch erteilt wurde. Die Kirche wurde allerdings nicht gebaut. Unser Graf Burkhart III bedankte sich für die Bewilligung und schickte Papst Gregor XI, der 1372 in Avignon residierte, einen Wein. Das Dankschreiben, lateinisch abgefasst, ist erhalten. Papst Gregor bedankt sich für den herrlichen Wein aus Retz, Riede Altenberg. Heute sind dies noch die besten Riede in Retz. Ja, das Rhöne-Tal war das Ziel. Unglaublich! Da bekommt man eine leise Vorstellung, was der Wein für eine Bedeutung hatte.

Das Bild (Bayrische Staatsbibliothek, München) ist eine Miniatur aus dem 14. Jahrhundert aus Italien. Im Propyläen Lexikon wird das Bild als "Darlehensgeschäfte" tituliert. Die Geschäfte sind Weingeschäfte. Der schwarze Tragegurt, den der Knecht mit seiner Linken hält, wurde dem schon bereitstehenden Pferd beidseitig aufgesattelt, sodaß zwei dieser "Kipferl"-Fässer eine Transporteinheit waren. Das kipferlartige Faß hat das Schwabbeln des Weines während des Transportes verhindert.
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Gesunder Tropfen
Unsere moderne Technik kann den Wein in hunderte Bestandteile zerlegen.
Resveratrol ist vor allem im roten Wein (Traube, Traubensaft und Rotwein) nachgewiesen. Es ist ein Phenol. Univ. - Prof. Dr. Thomas Szekeres von der Universität Wien sagt: "Resveratrol verhindert die Oxydation der Fette und hat präventive Wirkung bei Tumorzellen, weil es deren Wachstum hemmt." Rotwein ist ein Lebenselixier und wirkt auch vorbeugend vor Herzinfarkt.
Von unserer Chemie und Medizin des 20. Jahrhunderts wussten die Leute in vergangenen Zeiten nichts. Aber sie hatten ein für uns unvorstellbares Gespür: Für die Gesundheit und - ich will das nach der Anschauung unserer Ahnen in einem sagen - auch für die Statik.
Daher dieses großartige Kellersystem von Retz! Dieses System zeigt uns heute noch einen florierenden Wirtschaftszweig des ausgehenden Mittelalters und der Neuzeit, wie er kein zweites Mal in seiner Vollständigkeit erhalten ist. Vergleichbar ist vielleicht der Salzhandel. 1832 war die Pferdeeisenbahn Gmunden - Linz - Budweis fertig gestellt. Die Hälfte aller Transportgüter war Salz. Heute kauft man Salz 1/4 - kiloweise und denkt sich nichts dabei.
Wir haben gesehen, dass Wein durch Jahrtausende ein beliebtes Getränk war. Ein Getränk? Nur dort, wo es billig war oder nichts kostete. Wein war in den Regionen der Alten Welt sehr bald etwas Mystisches. Schon das Wissen, dass Wein nicht nur gut schmeckte, dass Wein durch vermehrten Gebrauch und Genuss die Menschen in andere Sphären brachte, ja, in ein Delirium versetzte, eine Bewusstseinsveränderung eintrat, aber nach Stunden des Schlafes wieder die Ernüchterung hergestellt war - es musste daher im Wein etwas Besonderes vorherrschend sein. Ein Geist, ein Gott, der diese Kräfte hervorrief!
Würde man die Transportkosten des über tausende Kilometer verfrachteten Weines auf die heutige Zeit übertragen, wäre der Wein unter diesen Verhältnissen heute nicht mehr bezahlbar.
Ein persischer Dichter namens Dschami - er lebte Ende des 15. Jahrhunderts - verfasste eine Lobeshymne über den Wein: "Carpe diem" (Nütze den Tag) "Entbehre Wein zu keiner Zeit, du kennst der Zeit Vergänglichkeit. Benütze jeden frohen Tag, wer weiß, wer morgen leben mag."
[Mit Dank an Tiia Dessyllas für die Texterfassung und -korrektur]

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